Gehzeug?                  Was ist jetzt los?

Was nun soll ein Gehzeug bedeuten?

Zweierlei: zum Einen ist es die Mensch-gemässeste Art der Fortbewegung überhaupt: einen Fuss vor den anderen setzen.

Zum Anderen zeigt es, wie aberwitzig das ist: für ein bisschen Mensch mit 70 kg wird ein Gerät bewegt, das 20 mal so viel wiegt, 4 Meter lang und 1,80 m breit ist. Stinkt, lärmt, kostet viel Geld und ist gefährlich. Wenn es einen Schaden hat, brauchst du eine Fachwerkstatt. Verdammt bequem allerdings für dich, wenn du innen sitzt: von A nach B kommst du, "ohne etwas zu tun". Und für die anderen?

 

Ein paar Aspekte die gegen motorisierten Individualverkehr des alten Stils sprechen

 

Das kompakte Buch "Die gesellschaftlichen Kosten des Autoverkehrs" beschrieb bereits 1980 (vielleicht überlegst du kurz, wie lange das her ist!) umfassend, welche Opfer seit Jahrzehnten gebracht werden, um diesem "Fossil" von 1886, das, so als ob es von selbst führe, den Kosename "Auto" bekam, den Lebensraum zu sichern.

 

Raum, der ansonsten für Menschen, Tiere und Pflanzen verfügbar wäre.

 

1953 wurde in Kassel die erste Fussgängerzone Deutschlands eingerichtet. Freilich gegen dümmlichen Widerstand von ängstlichen Geschäftsleuten geriet ein wenig Lebensqualität in städtische Räume zurück. Heute haben die meisten Menschen verstanden, dass es besser ist, wenn man beim Stadtbummel nicht überfahren wird. Aber viel weiter gingen die Reformen nicht! Stadtteile und Gemeinden, die dem motorisierten Verkehr nicht die Gestaltungshoheit über die bebaute Landschaft geben, sind nach wie vor exotisch.

 

Es müssen nicht alle Fakten vielfach aufgezählt werden. Der BUND hat kompakte und dabei erschütternde Informationen anschaulich zusammen getragen. Einen umfassenden Überblick gibt dir der Mobilitätsatlas der Heinrich-Böll-Stiftung.

Auch bei VCD, ADFC, Projektwerkstatt... kannst du lesen, bis dir die Augen ausfallen. Und ich verweise immer wieder gern auf die "Wuppertalstudie" von der die wenigsten Menschen mehr kennen als den umgangssprachlichen Namen. Aber es reicht ganz wenig an vernünftigen Gedanken und du findest den (einzigen) Lösungsweg. (Abgesehen von der Option, dass deine und meine Enkel nur noch Überlebenskampf gegen die Katastrophen zum Lebensinhalt haben sollen, welche wir seit über 50 Jahren produzieren.)

 

Bitte lass dir diesen Quatsch nicht erzählen: Strom in den Tank statt Benzin und schon ist die Welt gerettet? Die Konzerne, die allesamt inzwischen das elektrische Geschäft wittern und gern schon so tun, als hätten sie gestern nicht noch die Parole "schneller, grösser, schwerer" ihre (Benzin- und Diesel-) SUVs vermarktet, ja, die kann man damit retten. Tatsächlich geht es jetzt darum, dass du deinen Alltag neu organisierst. Du könntest Fahrrad fahren...

Selbstverständlich auch: politisch veränderte Rahmenbedingungen. Aber der ausgestreckte Zeigefinger ist eine Falle. WIr haben nur 23 läppische Jahre, um die Klimaneutralität zu erreichen. Das ist Zielvorgabe im (Bundes-) Klimaschutzgesetz II. Keine Zeit für dummes Geschwätz mehr. Seit wann kann man "die gesellschaftlichen Kosten des Autoverkehrs" lesen? Ja, seit 42 Jahren. Wann hat der Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" bekannt gegeben? Wann fiel die Berliner Mauer?

Wie könnte es weiter gehen

 

Zuerst Ernüchterung! Es reicht nicht, wenn wir einen radikalen, unglaublich schnellen Wandel bei der Mobiltät schaffen! Ein zweites riesiges Problem ist verschwenderischer Umgang mit Wohnfläche und bei der Beheizung von Gebäuden!

 

Da die zitierte Literatur alles ausführlich darlegt, nur Stichworte:

  • neu Denken der Siedlungsplanung (wirkt leider entsetzlich langsam!)
  • Reduzierung von Spass-Fahrten und Entdeckung von Spass vor Ort
  • home office und Video-Konferenz statt Jetset
  • lokal Einkaufen
  • Sport beim Transport statt Muckibude
  • Gemeinsam organisieren, Mitbringen, sharing...
  • Fahrrad fahren (ich habe es ausprobiert. Es geht)
  • bedächtig mit Zug und ÖPNV reisen

 

Chronologie der Ereignisse rund um Klimaschutz nach dem "Klimastreik" 2019

2021 - spät im Jahr: genau das richtige Bundestags-Wahlergebnis?

Bedenklich stimmt, dass die Regierungsbildung ohne AfD und ohne CDU nur äusserst knapp gelang. Trotzdem ging ein Aufatmen durch das Land, was die Chancen der Erreichung von "Klima-Neutralität" in angemessener Zeit angeht. Während einige Anreize für die deutliche Beschleunigung der Energiewende im Gebäudesektor den Sanierungsmarkt beleben, bedrohen Lieferengpässe und Preisturbulenzen so wie der Fachkräfte-Mangel gleichzeitig die Trenwende.

 

Gleichzeitig: sehr düstere Aussichten bei der Mobilität. Der ÖPNV wird durch Infektionsgefahr und Pandemie-Vorsorge zurück geworfen. Eine Bereitschaft, die Mobilität radikal neu zu entwerfen sehe ich hinter den Windschutzscheiben nicht! Man hält an der fatalsten Fehlentwicklung aus dem 20.Jahrhundert (1.200 kg "Leergewicht" eines PKW, um 20 kg Kind in die Kita zu transportireren... verkrampft fest, als ginge es gleich ums nackte Leben, wenn man einmal aus der Blechkiste aussteigt und die beste Erfindung des 19. Jahrhunderts - das Fahrrad - nutzt.

2021 - Überarbeitung des Klimaschutzgesetzes (2019) zugesagt

Ein überraschendes Urteil des Bundesverfassungsgerihts machte es möglich: im Mai 2021 sagte die bunderegierung eine Überarbeitung des Bundes-Klimaschutzgesetzes unter reduzierung der Emissions-Kontingente und Präzisierung von Grenzwerten für den Zeitraum nach 2030 zu!

Ende 2020 - die Medien interessierten sich also seit vielen Monaten für Corona, Corona und Corona - veröffentlichte das Wuppetal-Institut eine sehr denkwürdige Studie. "fridays for future" war Auftraggeber und die GLS-Bank förderte das Projekt finanziell.

 

Wie Deutschland bis 2035 CO2-neutral werden kann

 

Das Übereinkommen von Paris formuliert 2 Grad Erwärmung als verbindliche Obergrenze, um Folgen des Klimawandels verkraftbar zu halten, favorisiert aber zugleich die ehrgeizigere Marke: 1,5 Grad.

Wuppertal-Studie (2020) - was ist der Unterschied?

 

Der Annahme folgend, dass "Klimaneutralität" bereits im Jahr 2035 erforderlich ist, um die ehrgeizigere Marke von nur 1,5° Erwärmung aus dem Übereinkommen von Paris einzuhalten, beschreibt die Studie ein Szenario aus Entwicklungen in den Schlüsselsektoren, welches diese deutlich schnellere Reduzierung des Treibhausgas-Aussosses möglich machen könnte.


Meine persönliche nochmals komprimierte Zusammenfassung des Kapitels "1 Zusammenfassung" der Studie:

  1. Klimaneutralität "in Deutschland" bis 2035 ist technisch möglich
  2. Sie wird "weh tun" und daher auf erhebliche Widerstände stossen
  3. Sie erfordert, dass Klimaschutz endlich Thema Nummer 1 der Tagespolitik und des Konsumverhaltens wird, was bisher in weiter Ferne lag

Mir ist es lieber, wenn du selbst in der wirklich sehr verständlichen Studie nachliest, als wenn ich hier zu ausführlich werden muss. Nur wenige "Streiflichter" (wörtliche Zitate!):

  • VERKEHR: "Insgesamt muss sich der Verkehrsaufwand des Umweltverbunds aus Fuß- und Radverkehrund öffentlichem Verkehr bis 2035 etwa verdoppeln, während die des Pkw- Verkehrs sich etwa halbiert." (Seite 80)
  • VERKEHR: "Um eine Reduzierung des Flugverkehrs zu erreichen, gehen die UBA-Szenarien von einer vollständigen Einstellung des innerdeutschen Flugverkehrs bis 2050 aus" (Seite 80)
  • GEBÄUDE: "Zusätzlich wird im Gebäudebereich auch Suffizienz einen wichtigen Beitrag für das Erreichen von Klimaneutralität leisten müssen. Es gilt, den Trend des wachsenden Wohnraumbedarfs pro Kopf durch intelligente und flexible Nutzungsformen zu stoppen bzw. umzukehren" (Seite 89)
  • GEBÄUDE: "Der Anteil von Wärmepumpen an allen Heizsystemen müsste Szenarien zufolge ineinem klimaneutralen Energiesystem auf etwa 60 bis 80 Prozent ansteigen" (Seite 89)
  • GEBÄUDE: "...energetische Sanierungsrate, die im Mittel von heute knapp 1 Prozent auf rund 4 Prozent pro Jahr gesteigert werden müsste. In der Praxis bedeutet dies, dass jedes Gelegenheitsfenster genutzt werden muss, um zielkonforme energetische Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Zielkonform bedeutet, nach Möglichkeit den Passivhausstandard oder mindestens alternativ den KfW55-Standard einzuhalten (Seite 95)
  • ENERGIEWIRTSCHAFT: "Bis 2035 erscheint dann ein
    Ausbau von
    jährlich mindestens etwa 25 bis 30 GW an neuen Windenergie- (on- und offshore) und PV-Anlagen sinnvoll. Der tatsächliche Ausbau lag in den Jahren 2018 und 2019 im Durchschnitt hingegen nur bei 6 GW pro Jahr." (Seite 40)

Ich empfehle: du wählst dir einen beliebigen genannten Punkt aus der Liste, bei dem du dich als kompetent empfindest und befrägst dich selbst zu meiner provokativen These:

 

Es muss alles anders werden!?

 

Eine Anregung zur Einschätzung des Zeitraums, auf den sich die genannten Wandlungen beziehen (15 Jahre!):

Die entsetzliche trennende Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten fiel vor nunmehr 31 Jahren. Dass Neill Armstrong den Mond betrat, ist über 50 Jahre her. Wie schnell demnach 15 Jahre verfliegen...

Klimaschutzgesetz (2019) - was bringt es?

 

Ich möchte das Gesetz, welches noch im Jahr 2019 in Folge des historischen "Klimapakets",  verabschiedet wurde nicht "klein reden". Es setzt die "Klimaneutralität" bis zum Jahr 2050 für Deutschland als verbindliches Ziel und liefert auch klare Marken für zulässige Klimagas-Emissionen in den Jahren 2020 bis 2030, welche dieses Ziel realistisch erscheinen lassen. Wer sich die dort verankerten Zahlen genauer anschaut, wird feststellen, dass bereits diese Entwicklung alles, was zuvor an "Rettungsmassnahmen" umgesetzt wurde, als Kleinigkeit erscheinen lässt. Wenn also diese Grenzwerte in den kommenden Jahren wirklich eingehalten werden, ist das ein radikaler Kurswandel!

Meiner Meinung nach haben allein die umfassenden Beschränkungen von Kontakten und Mobilität im Jahr 2020 einen Rückgang der Treibhausgas-Emissionenn im Sektor Verkehr ermöglicht und das böse Erwachen könnte bereits in 2021 folgen. Der erstmals Anfang 2021 veröffentlichte Projektionsbericht (im Klimaschutzgesetz verankert) lässt eine Zielverfahlung bezogen auf die verbindlichen Emissions-Kontingente des Klimaschutzgesetzes vermuten. Herausragend sind dabei die erheblich zu hohen Emissionen, die in den Sektoren Verkehr und Gebäude erwartet werden - beide mit einem hohen unmittelbaren Beitrag des privaten Konsums an den Emissionen.

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